
Über fünf Jahre lang hatte ich nach etwas gesucht, das in der Welt des Buchdrucks fast schon mythischen Status hat: einen vollständigen Notensatz-Kasten. Musiknoten im Bleisatz sind eine Ausnahme – selbst unter Fachleuten und selbst in gut ausgestatteten Werkstätten. Fündig wurde ich schließlich an der HGB Leipzig, die mir den Kasten als Dauerleihgabe überließ. Er steht seither in der Officina Arcana. Und er ist beeindruckend: Mehr als dreimal so groß wie ein gewöhnlicher Schriftkasten, gefüllt mit winzigen Bleilettern – Notenköpfe, Hälse, Linienabschnitte, Pausenzeichen –, die kaum größer sind als ein Stecknadelkopf. Ohne mein eigen entworfenes Orientierungssystem, meine „Schatzkarte", wäre ich in diesem Labyrinth schlicht verloren.
Gefördert durch ein Arbeitsstipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen durfte ich 2025 tief in diese Nische eintauchen.

Da Capo – der Name war schnell gefunden, denn er beschreibt genau, was dieses Projekt bedeutet: von vorne beginnen. Der Musiknotensatz im Bleidruck ist eine vergessene Disziplin. Es gibt heute niemanden mehr, der sie aktiv lehrt. Keine Workshops, keine Videos, keine Anleitung. Meine einzigen Lehrmeister waren zwei vergilbte Lehrbücher aus der Zeit um 1900.
Also wurde die Werkstatt zur Forschungsstation. Das Wissen entstand zwischen Lesen, Ausprobieren und Scheitern. Denn Musiknoten setzen sich anders als Buchstaben: Während Text Zeile für Zeile gesetzt wird, wird Musik gebaut. Jeder einzelne Takt ist ein architektonisches Puzzle aus Notenlinien, Notenköpfen, Hälsen, Taktstrichen, Fähnchen und Bögen. Jeder Griff muss sitzen. Der Prozess ist irgendwo zwischen meditativ und frustrierend, extrem langsam, mit sehr viel Hirnschmalz verbunden, und er hat mich Musik noch einmal ganz anders sehen lassen. Nicht nur als Klang, sondern als Form.




Parallel zur praktischen Arbeit wuchs die Frage: Wo kommt das eigentlich alles her? Wie hat sich die Musiknotation entwickelt – und warum sieht sie so aus, wie sie aussieht?
Mein Werkstattnachbar in der Kaserne Pirna, Ercole Nisini, Posaunist und Komponist, öffnete mir dabei den Blick eines Musikers. Er zeigte mir historische Beispiele, wie man alte Musiknotation liest, wie moderne Notationsprogramme am Rechner funktionieren und er machte mich auf etwas aufmerksam, das ich seitdem nicht mehr loslässt: Die Entwicklung der Musiknotation folgt immer der Entwicklung der Musik selbst. Neue Instrumente bringen neue Klänge, neue Klänge bringen neue Musik, neue Musik braucht neue Schreibweisen. Das Notenbild ist kein willkürliches System, sondern ist das Abbild eines sich ständig verändernden musikalischen Denkens. Besonders deutlich wird das an den verschiedenen Notenschriftbildern der Vorkriegszeit um 1930: Die Notenköpfe wurden im Aussehen verändert, um zur Schrift von Publikationen zu passen. Eine Idee, die sich nicht durchsetzt, aber existiert hat.
Ein zweites, sehr besonderes Gespräch führte ich auf der Buchmesse Leipzig mit Herrn Pfefferkorn, dem Verlagsleiter von Breitkopf & Härtel – dem ältesten Musiknotenverlag der Welt, gegründet 1719. Er machte mir etwas spannendes deutlich: Was Musiker heute in Notationsprogrammen schreiben, ist oft wie ein unformatiertes Word-Dokument, das ein Autor beim Verlag einreicht. Die eigentliche Gestaltungsarbeit nach professionellen Notensatzregeln beginnt erst danach im Verlag oder spezialisierten Musiknotensatz-Büros. Was mich dabei besonders überraschte, waren kulturelle Unterschiede in den Notationsweisen: Alle gängigen Notationsprogramme stammen aus Amerika. Und die amerikanischen Notationskonventionen unterscheiden sich von den europäischen. Was für Musiker wie selbstverständliche Werkzeuge wirkt, transportiert im Stillen eine andere Schreibtradition.
Und dann ist da noch etwas, das mich nachdenklich stimmt: Es gibt heute keine Ausbildung zum Musiknotensetzer mehr. Auch im Musikstudium wird das Wissen offenbar nur rudimentär vermittelt. Ein Wissen, das sich über Jahrhunderte entwickelt hat, geht gerade still verloren – nicht spektakulär, sondern einfach so, weil es niemand mehr weitergibt.



Ausschnitt einer Schriftprobe von 1787 mit verschiedenen Notationen von Breitkopf & Härtel
Notenpublikationen, Verleger und Musikwissen
Unterschiedliche Musikkulturen, unterschiedliche Schreibweisen: hier mit der Skizze von Pausenzeichen
Je tiefer ich forschte, desto weiter reichte der Blick zurück. Die Geschichte der Musiknotation beginnt nicht im Mittelalter, sie beginnt bereits im alten Mesopotamien. Eine Sterntafel aus dem 7. Jahrhundert vor Christus zeigt grafische Stimmanleitungen für ein Saiteninstrument. Die älteste bekannte Melodie, die Hymne an Nikkal, wurde im 13. Jahrhundert vor Christus auf Tontafeln festgehalten. Die griechische Antike entwickelte ein komplexes Tonsystem, dessen Begriffe wie Harmonie, Konsonanz, Tonleiter bis heute in unserem Musikvokabular weiterleben.
Die Neumen des frühen Mittelalters, jene kleinen grafischen Zeichen über den Gesangstexten der Klöster, waren nach dem Verlust der antiken Notation ein erster Versuch, Musik in Europa wieder ortsunabhängig zu machen und den gregorianischen Gesang zu vereinheitlichen. Aus ihnen entwickelte sich über Jahrhunderte das System, das wir heute kennen, wobei beispielsweise die Erfindung der Musiknotenlinien auf den Benediktinermönch Guido von Arezzo im frühen 11. Jahrhundert zurückgeht.
Mit dem Buchdruck kamen neue Herausforderungen: Wie druckt man etwas, bei dem Linien und Noten sich überlappen? Die ersten Versuche waren sehr aufwendig mit mehreren Druckdurchgängen: erst die roten Notenlinien, dann die Noten darüber. 1476 erschien in Rom das erste Buch mit gedruckten Linien, Noten und Text. Breitkopf & Härtel, mein Gesprächspartner auf der Buchmesse, war in dieser Geschichte dabei: mit einer Art des beweglichen Notensatzes, der die Musikpublikation im Bleisatz revolutionierte. Parallel entwickelte sich der Notenstich, ein Tiefdruckverfahren, welches sich bis zum digitalen Zeitalter erhielt.
All das durfte ich im April bei den Typotagen in Leipzig vor Fachpublikum zusammenführen. Der Vortrag hieß »Lebendige Notation: Klangbild im Wandel« und er hat mir einmal mehr gezeigt: Das Thema ist schlicht zu groß für einen einzigen Vortrag. Und genau das macht es so faszinierend.



30. Leipziger Typotage Museum für Druckkunst, Foto: Marlen Krönert
30. Leipziger Typotage Museum für Druckkunst, Foto: Annett Riechert
30. Leipziger Typotage Museum für Druckkunst, Foto: Andi Krasniqi
Aus dem Notensatz-Kasten, den alten Lehrbüchern, den Gesprächen und der Forschung ist schließlich ein Objekt entstanden: eine grafisch-experimentelle Broschüre. Keine Partitur im klassischen Sinne, sondern eine visuelle Interpretation von Musik und Rhythmus durch die Form des Bleis. Es erzählt gleichzeitig meine Entdeckungsreise durch den Notenkasten, von Notenköpfen, wie man setzt oder auch besser nicht setzt, von der Bedeutung der Zeichen und der grafischen Übertragung außerhalb eines Notensystems. Die offene Fadenbindung mit fünf roten Strängen ist ein Verweis auf die historische Tradition der roten Notenlinien. Und statt der Seitenzahlen erzähle ich lieber, wie viel Bleilettern ich aus dem Notenkasten genutzt habe.
Handgefalzt, fadengeheftet, nummeriert und signiert, ist die Broschüre nun auch im Shop der Officina Arcana erhältlich.
Das Projekt Da Capo ist abgeschlossen. Aber die Reise mit den Musiknoten geht weiter. Neue Ideen, neue Projekte und vielleicht irgendwann eine ganze Notenseite, gesetzt aus diesem außergewöhnlichen Kasten.
Wer selbst erleben möchte, wie sich Blei und Farbe anfühlen: Die nächsten Kurs-Termine stehen online.






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